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Pressebericht - Spiritual und Gospel ...

Beim SIM-Special konnte man hören, wie Musik klingt, die durch historisch junge musikalische Erfahrungen angeregt wurde, besonders auch der Pop-Musik ...

Spiritual und Gospel – die lange Konzert-Nacht

Musik XXL – außergewöhnlich lang, keineswegs aber langweilig war das diesjährige Abschlusskonzert der Konzertreihe auf Gut Östergaard. Gleich drei Ensembles präsentierten sich den rund 400 Zuhörern in der ausverkauften Kulturscheune und gestalteten gemeinsam die „Flens-Gospel-Night“: der Gospelchor Steinbergkirche, das SIM-Special und das Clarinet & Sax Revival Quartet. Sie alle boten ihre eigene Version von Spirituals und Gospels, der eingängigen Melodien und der Gesänge, welche ursprünglich dem Arbeitsalltag der afroamerikanischen Sklaven entstammten. Die Zuhörer waren von dem Konzert begeistert.

Der Gospelchor aus Steinbergkirche mit seinen rund 50 Sängerinnen und Sängern beeindruckte durch sein abgerundetes Klangbild. Neben der Leistung des Chores ist zu erwähnen, dass Chorleiter Uwe Wendrich die Chorsätze meistens selbst zu setzen pflegt, maßgeschneiderte Musik, passgenau arrangiert. Beim Konzert entstand eine Harmonie auf der Bühne, die sich auf das Publikum übertrug.

Die Sänger beeindruckten dadurch, dass sie das feeling des swing genau herausgearbeitet hatten, das Gefühl für die unbetonte Zeit in der Musik, das im Jazz weit verbreitet ist. Ganz lässig swingte es im Kanon „I am so happy“ oder auch einmal sehr schnell in „Josuah fit the battle ob Jericho“. Die Sänger bewegten ihre Körper so leicht, wie der swing dies zuließ.

Der Klang des Chores wurde durch die vielen solistischen Einlagen einiger seiner Mitglieder unterstützt, mehrmals von Dirk Andresen, von Maren Pagel und Siegfried Schneider als Duo, von Renate Seifert, Henning Schmidt und Ralf Hansen. Dies sorgte für die individuelle Note der einzelnen Gospels. Das Programm war entsprechend abwechslungsreich und darüber hinaus sorgfältig ausgewählt.

Immer wieder klang dabei das für den Stil von Spiritual und Gospel charakteristische call and response- Prinzip (Ruf und Antwort-Prinzip) an. Ursprünglich wechselten sich bei der Feldarbeit der Vorsänger und die Nachsänger einander ab. Diese Form der musikalischen Kommunikation prägte auch das letzte Stück vor der Konzert-Pause, als der Chorleiter sang: „Do we need The Lord?“ Antwort des Chores: „Yes, we do!”

So viel Bewegung, so viel Kommunikation auf der Bühne. Das Publikum ließ sich davon anstecken, es bewegte sich rhythmisch, es schnippte, es klatschte im Takt der Musik. Der Chor weiß Impulse zu setzen. Wendrich forderte das Publikum aber auch noch auf mitzusingen. In „I´m gonna sing“ nur wenige Worte, in „John Brown´s Body“ dann den ganzen Refrain (das bekannte „Glory! Glory! Halleluja…“). Das Konzert machte dem Publikum ersichtlich Freude.

Verstärkt wurden viele der Stücke durch die mitreißende instrumentale Begleitung von Frank Schedukat (Piano), Henning Schmidt (Mundharmonika) und Kai Brix (Flöte). Nach der Pause musizierten Mitglieder aller drei Ensembles miteinander. Behutsam wurden die Konzertteile von Birgit Hinsche anmoderiert und mit inspirierenden Botschaften versehen.

Eine Hauptfrage dieses Konzertabends lautete: Wie baut man ein Konzert auf, in dem gleich drei Gruppen auftreten, aber keine von ihnen soll die bloße „Vorgruppe“ der anderen sein? - Dass die Musiker nach der Pause gemeinsam musizierten, war schon ein Teil der Antwort. Der andere Teil der Antwort bestand darin, die erste Hälfte des Chor-Konzertes aufzuteilen, so dass die beiden anderen Ensembles dazwischen auftreten können. Auch das ist Musik XXL, den Zuhörern wurde an diesem Abend in sehr schneller Folge ganz unterschiedliche stilistische Varianten präsentiert, in denen Spiritual und Gospel aufleben.

Beim SIM-Special konnte man hören, wie Musik klingt, die durch historisch junge musikalische Erfahrungen angeregt wurde, besonders auch der Pop-Musik. Der besondere Akzent bestand darin, hier live und mit relativ schlichten Mitteln (zwei Musiker, ein Instrument, Mikrophone) zu bieten, was sonst meist nur mit vielen Effektgeräten und mancher Nachbearbeitung im Studio zu haben ist. Sarah Petersen (Gesang) und Michael Kelmer (Gitarre und Gesang) boten Gesangsakrobatik und virtuose Gitarrenkunst. Das SIM-Special tritt je nach Rahmen der Veranstaltung in unterschiedlicher Besetzung (mit bis zu acht MusikerInnen) und mit diversen Musikrichtungen auf, daher das „Special“ im Namen. „SIM“ ist eine Abkürzung, deren Bedeutung aber von der Gruppe nicht verraten wird, eine Anregung für das Publikum, sich selbst etwas Passendes auszudenken.

Das Clarinet & Sax Revival Quartet mit Ulf Schirmer (Klarinette und Saxophon), Helge Hoffmeister (Piano), Hartmut Bethge (Banjo, Bass, Gitarre, Gesang) und Oliver Hansen (Schlagzeug) sorgte dafür, dass auch die Jazz-Hörer in diesem Konzert nicht zu kurz kamen. Mit ihrem Spiel huldigten sie dem Revival-Jazz der 50er Jahre. Das Quartett fackelte ein Feuerwerk von Jazz-Improvisationen ab, das Publikum bedankte sich immer wieder mit spontanem Applaus. Hervorragend in dem flexiblen Spiel dieses Ensembles waren die vielen klanglichen Nuancen, etwa der „rauchige“ Saxophon-Einsatz oder das fetzige Schlagzeug-Solo. Der richtige Tonfall war stets getroffen, die Stimmung im Publikum stimmte.

Der Konzert-Organisator Ulf Schirmer kündigte für das nächste Jahr eine weitere Konzertreihe auf Gut Östergaard an. Das Publikum darf sich wieder von der Musik im ländlichen Ambiente verzaubern lassen.

Torsten Hiß

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Quelle: http://www.foer-di.de/200710/text.html